Noras schwere Depression: Von Therapie, Beziehungen & Genesung

Interview
An welchen Symptomen kann sich eine schwere Depression zeigen? Welche Therapieformen gibt es – wie sieht der Alltag in einer Klinik aus? Und was können Freund:innen und Angehörige tun, um eine betroffene Person zu unterstützen? In diesem Interview mit Nora Urbanski erzählt sie ganz offen über ihre Erlebnisse, als sie vor ein paar Jahren eine schwere Depression hatte.
Hinweis: Im Folgenden werden u. a. Suizidgedanken und Selbstverletzungen thematisiert. Wenn du dich zurzeit in einer Krise befindest oder du eine akut betroffene Person kennst, stehen dir weitere Angebote auf dieser Plattform sowie kostenlose Anlaufstellen wie die Telefonseelsorge (0800 1110111 oder 0800 1110222) unterstützend zur Verfügung. Erlebst du oder eine Person, die du kennst, im Augenblick eine suizidale Krise oder eine anderweitige Selbstgefährdung, kontaktiere bitte umgehend den Notruf (112) und hol dir Unterstützung! Andernfalls kannst du dich jederzeit an deinen Arzt bzw. deine Ärztin, eine Psychiatrie, den ärztlichen Bereitschaftsdienst oder die Telefonseelsorge wenden. Du bist nicht allein!

Wann hast du die erste depressive Phase bzw. die ersten Symptome bemerkt und wie hat sich das bei dir gezeigt?

Ja, das ist tatsächlich gar nicht so einfach für mich zu beantworten, weil ich heute weiß, dass ich auch eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung habe – besser bekannt als Borderline – und es gibt Symptome, die sich da ein bisschen überlappen. Was ich auf jeden Fall rückblickend weiß, ist, dass meine erste Phase, wo ich sage, okay, das war jetzt wirklich eine Depression, so mit 12, 13 angefangen hat. Da waren die ersten psychischen Probleme so ein bisschen früher, aber das ist wirklich so der Moment in meinem Leben, wo ich das erste Mal mich extrem zurückgezogen habe in mich selber, starke Appetitlosigkeit hatte, Antriebslosigkeit, mich einfach abgekapselt habe von allen, von meinem ganzen sozialen Umfeld. Etwa mit 13, 14, würde ich sagen, hatte ich auch das erste Mal Suizidgedanken. Ja, also das war so die erste, ich nenne sie rückblickend einfach „dunkle Phase”. Ob es jetzt eher eine Depression war oder eher mit der Persönlichkeitsstörung zu tun hatte, ist ein bisschen schwer zu sagen, aber ich denke, dass es wirklich die Depression da schon war.

Wie hat dich die Erkrankung durch dein Leben begleitet? Hat sich das durch dein Leben durchgezogen oder gab es z. B. „Auf und Abs”?

Ja, also ich habe eine wiederkehrende depressive Symptomatik. Die ist dann eben mal stärker, mal weniger stark. Wie gesagt, so mit diesem frühen Jugendalter war es das erste Mal richtig heftig. Dann erinnere ich mich auf jeden Fall an eine starke Phase während meiner Abizeit. Die dann auch sehr viel einfach mit Leistungsdruck etc. zu tun hatte. Aber da hatte ich auch eben eine Phase, wo ich einfach nicht zur Schule gehen konnte, weil ich nicht mehr konnte. Also es ging dann vielleicht auch schon so ein bisschen Richtung, eher so eine Burnout-Situation, aber es ist ja im Endeffekt auch eine Depression. Genau, also das war da auch nochmal krass. Und dann so in der Studienzeit hatte ich einfach immer so „Ups und Downs”, immer wieder mal Phasen, wo ich mich stark zurückgezogen habe oder wo es dann wieder besser wurde. Es ist wirklich ein bisschen schwer, im Nachhinein zu sagen, ob es jetzt eher die starke Depression immer wieder war oder die Persönlichkeitsstörung. Die schlimmste Phase seit meiner Jugend, die ich jetzt hatte, hat vor etwa zweieinhalb, drei Jahren angefangen. Da war ich 27, 28. Das war dann auch eine Zeit, wo ich dann komplett arbeitsunfähig war. Es hat eineinhalb Jahre gedauert, bis ich wirklich gesagt habe, okay, jetzt bin ich aus der Depression wieder raus. Da nehme ich dann jetzt auch seitdem Medikamente und so weiter. Und das war wirklich jetzt so eine Phase, wo ich sage, da bin ich froh, dass ich das überhaupt überlebt habe, weil das war mit Abstand die schlimmste Phase meines Lebens, eindeutig.

Kannst du uns einen Einblick in deine schlimmste Phase geben und wie es dir innerlich ging?

Also ich war eigentlich komplett leer. Ich habe wirklich ganz lange Phasen, Wochen und dann am Ende halt Monate, wo ich eigentlich von der Couch nicht weggekommen bin. Habe mich komplett zurückgezogen. Ganz viele Sozialkontakte sind in der Zeit auch komplett abgebrochen, weil ich einfach keine Energie hatte, irgendwie mit Leuten in Kontakt zu bleiben. Ich habe in den Depressionen immer sehr starke Appetitlosigkeit. Ich habe sehr stark abgenommen, weil ich einfach nicht essen konnte. Mich für nichts interessiert, habe unglaublich viel geschlafen. Es gibt ja Menschen, die können dann in der Depression gar nicht schlafen. Ich habe wirklich teilweise nachts 14 Stunden geschlafen und tagsüber nochmal zwei, drei, weil ich einfach so körperlich und geistlich fertig war. Ja, und einfach sonst so eine sehr, sehr starke Verzweiflung. Ich habe das wenig, dass ich irgendwie weinen muss oder so Trauer verspüre, sondern es ist wirklich eher so eine Mischung aus Leere und Verzweiflung und total benebelt sein. Es ist sehr, sehr unangenehm, auch von meinen kognitiven Fähigkeiten einfach … Also da war einfach total wenig nur noch gefühlt. Also ich konnte nicht irgendwie mal was lesen oder mich auf irgendwas konzentrieren, weil die Energie nicht da war und die Fähigkeiten nicht da waren. Das hat tatsächlich auch mit am längsten gedauert, auch in der Genesungsphase, bis das wieder so richtig da war. Gott sei Dank ist alles zurückgekommen. Für alle Betroffenen, ich kann euch sagen, es kommt zurück. Das ist wenigstens der Vorteil, aber es ist schon sehr gruselig, wenn man weiß, was man leisten konnte und auf einmal geht da alles nichts mehr.

So wie du es beschreibst, war es für dich quasi unmöglich, deinen Alltag zu gestalten, oder?

Ja, absolut. Ich hatte dann das Glück, dass mein Partner von zu Hause arbeiten kann. Wir haben damals noch nicht zusammen gewohnt und er ist wirklich zwei Wochen lang komplett bei mir eingezogen, als es gerade so richtig krass wurde, weil ich, wie gesagt, mich auch einfach nicht mehr wirklich gut versorgen konnte. Dann hatte ich Gott sei Dank relativ schnell eine Therapeutin gefunden. Wir haben natürlich erstmal ganz intensiv daran gearbeitet, überhaupt diese Basis herzustellen, zu gucken, dass ich genug esse, dass ich mal das Haus verlasse, dass ich einen Schlafrhythmus habe, dass ich mich beschäftige und so weiter. Das war wirklich unglaublich hilfreich und wertvoll, dass ich da diese Unterstützung hatte. Es gab dann aber irgendwann einen Punkt, Richtung Winter, wo mein Partner, der nicht aus Deutschland kommt, dann auch über zwei Monate – ne stimmt gar nicht, es war ein Monat – in die Heimat geflogen ist, sehr weit weg, wo ich quasi dann wieder alleine auf mich gestellt war, wo ich zu dem Punkt gekommen bin, dass es gar nicht mehr ging und mich für drei Wochen auch in eine stationäre psychiatrische Behandlung begeben habe, weil einfach klar war – das hat mir meine Therapeutin dann auch geraten – ich komme hier nicht mehr klar.

Kannst du den Augenblick bzw. den Prozess beschreiben, wo du verstanden hast, dass du mehr Unterstützung brauchst?

Also, es ist alles ein bisschen verschwommen, muss ich ehrlich gesagt sagen, aber ich erinnere mich sehr gut daran, dass ich an dem Tag bei meiner Therapeutin saß und einfach komplett hilflos war. Also ich saß wirklich da und ich sage so: „Ich weiß nicht, was ich tun kann“. Es war so ein komplettes Aufgeschmissensein. Und dann sagte sie halt auch wirklich: „Frau Urbanski, ich glaube, Sie brauchen jetzt Hilfe“. Und irgendwie, Gott sei Dank, war da noch genug in mir, die gesagt hat: „Okay, ich höre da jetzt einfach drauf und ich tue das jetzt einfach“. Es ist wirklich ganz schwer zu beschreiben von außerhalb, aber es war wirklich diese komplette Hilflosigkeit, dieses komplette Nicht-mehr-wissen, was man mit sich selber tun kann. Total übermüdet, zu wenig gegessen die ganze Zeit – ich war einfach körperlich und geistig so fertig, dass ich gemerkt habe, ich kann jetzt nicht nach Hause gehen und ich traue mir gerade nicht zu, mich um mich selber zu kümmern. So, das war dieser Moment. Und ich muss sagen, dadurch, dass ich vorher jetzt schon länger dann ein paar Monate in Therapie war, ist mir dieser Schritt wieder auch etwas einfacher gefallen, weil dieser Gedanke, in eine Klinik zu gehen, schon total gruselig irgendwo war und beängstigend. Und dadurch, dass ich aber irgendwie schonmal so ein bisschen mehr Kontakt zu diesem „System” hatte, ja, hat mir das halt dann doch geholfen oder hat es mir leichter gemacht, dann zu sagen: „Okay, dann mache ich das jetzt“. Und ich hatte dann sehr großes Glück und habe noch am selben Tag einen Platz bekommen auch und habe dann meinen besten Freund angerufen und der hat mich dann in die Klinik gefahren und dann ging alles halt sehr schnell.

Kannst du deine Erfahrungen teilen, wie der Aufenthalt in der Klinik bei dir abgelaufen ist und inwiefern dir das geholfen hat?

Ja, es war für mich auch ein krasser Moment. Ich war auch nie irgendwie mal im Krankenhaus. Was vielleicht generell hilft, ist einfach sich klarzumachen, das ist halt einfach ein Krankenhaus. Man sagt immer irgendwie „Klinik“ oder „Psychiatrie“ oder so, aber es ist im Endeffekt auch einfach ein Krankenhaus mit den gleichen Vor- und Nachteilen wie jedes andere Krankenhaus auch. War natürlich noch die Situation, dass ich kurz vor Weihnachten reingegangen bin, was natürlich, kann man sich vorstellen, für psychische Erkrankungen auch irgendwie so Hochkonjunktur ist. Das heißt, es war schon viel los auf dieser Station, auf der ich war und ich war auch bei weitem nicht die Einzige, die wegen einer akuten Krise dort war.

Erstmal war es total komisch, irgendwie da anzukommen und da irgendwie dann in diesem Setting zu sein. Und es ist auch nicht so, dass es dir dann sofort besser geht, nur weil du da bist, aber was einfach sofort geholfen hat, ist natürlich der Fakt, dass ich mich nicht mehr um mich selber kümmern musste. Also, es gab drei Mahlzeiten am Tag, die habe ich mehr oder weniger essen können. Das klingt vielleicht ein bisschen banal, aber das hilft extrem in dem Moment, dass mir eine Struktur vorgegeben wurde mit klaren Aufstehzeiten, natürlich auch dann regelmäßige therapeutische Termine und so weiter. Und dieses Gefühl von wegen „Okay, ich bin jetzt erstmal vor mir selber in Sicherheit“, war schon gut. Und auch irgendwo: „Hey, die Leute, die mir wichtig sind, müssen sich jetzt auch nicht mehr so viel Gedanken um mich machen, weil die auch wissen, dass ich jetzt umsorgt werde.“ Das war schon sehr, sehr erleichternd. Was ich vorher auch nicht so gedacht hätte, aber was auch echt geholfen hat, war einfach mit anderen Menschen zusammen zu sein, die halt auch Probleme haben, psychische Erkrankungen haben und sich dadurch bewusst zu werden, das sind auch nur Menschen und man ist nicht so allein mit diesem Thema auf der Welt, wie es einem sonst vielleicht schon mal vorkommt. Das hätte ich vorher gar nicht so gedacht, aber auch diese Gespräche mit anderen Patient:innen haben echt auch nochmal viel gebracht. Ja, also wie gesagt, es klingt immer alles so groß und so einschüchternd, aber im Endeffekt ist es halt einfach ein Krankenhaus. Man hat seine verschiedenen Arzt- und Therapietermine. Großer Vorteil ist auf jeden Fall, dass man eben auch, wenn man zum Beispiel Medikamente nimmt, direkt in der richtigen Umgebung ist, betreut wird usw., wenn es Nebenwirkungen geben sollte oder so. Also ich bin sehr, sehr froh, dass ich es gemacht habe, auf jeden Fall.

Ich hätte auch noch etwas länger da bleiben können und habe dann aber nach diesen drei Wochen auch entschieden: „Okay, jetzt muss ich aber irgendwie mal wieder in mein richtiges Umfeld zurück“, weil es natürlich sonst auch nochmal schwerer fallen kann. Und dann war das so abgepasst, dass mein Partner dann auch wieder da war und ich dann jetzt nicht irgendwie so alleine zu Hause gesessen hätte, was vielleicht auch nochmal schwierig gewesen wäre. Ja, und von daher war das, glaube ich, ganz gut. Und was halt auch geholfen hat, ist, dass ich da mich dann auch informieren konnte über einen Tagesklinik-Platz. Also ich bin danach nochmal in die Tagesklinik gegangen. Von daher war das irgendwie schon, auch wenn es ein krasser Einschnitt war, ein ganz wichtiger Punkt auf dem Weg zu meiner Genesung.

Nach der Klinik warst du also weiter in Behandlung, aber von zu Hause aus. Kannst du uns einmal erklären, wie das abgelaufen ist?

Genau. Ich war dann quasi nicht mehr in dieser stationären Behandlung, sondern bin danach wieder zu meiner regulären Therapeutin hin und hatte dann eben den Antrag auf die Tagesklinik auch in demselben Klinikkomplex gestellt. Da bin ich relativ schnell reingekommen. Hat einen Monat, glaube ich, etwa gedauert, was für Deutschland schon relativ schnell ist, und bin dann da eben hin. Also Tagesklinik heißt, dass man von Montag bis Freitag dann immer, weiß ich jetzt gerade nicht mehr, so sechs bis acht Stunden quasi da ist, also so einen Tag, aber eben zu Hause übernachtet, zu Hause ist, am Wochenende zu Hause ist. Da ist eben der große Vorteil, zumindest wenn man nicht mehr so ganz akut in Gefahr ist, sage ich mal, dass man den Kontakt zu seinem Lebensalltag nicht verliert und Sachen, die man in der Klinik gelernt hat, dann eben auch zu Hause direkt einsetzen kann. Von daher finde ich das eigentlich ein sehr gutes Modell. Genau, und da war ich dann, ich glaube, zwölf Wochen insgesamt – bzw. bin jeden Tag dann dahin.

Inwieweit hast du deinen Genesungsprozess zu dieser Zeit richtig wahrgenommen und miterlebt?

Es war auf jeden Fall schon eine graduelle Entwicklung mit Höhen und Tiefen. Also es gab auf jeden Fall auch immer wieder mal Rückschläge. Aber ich habe auch ganz stark gelernt, gerade in der Depression, einfach viel freundlicher mit mir selber umzugehen und zu realisieren, dass, wenn ich in dieser ganz krassen Krankheitsphase bin, es halt einfach schon ein absoluter Erfolg ist, wenn ich drei Mahlzeiten am Tag esse oder wenn ich das Haus verlassen habe oder wenn, weiß ich nicht, ich mal eine Stunde was gemalt habe, was Schönes für mich selber gemacht habe. Ich habe ganz stark gelernt und da hat mir meine Therapeutin auch wirklich sehr geholfen, diese ganz kleinen Dinge auch wirklich als Erfolge wahrzunehmen, was sie dann halt sind. Und das motiviert dann natürlich und das hilft einem auch zu sehen, wie man weiterkommt, so Schritt für Schritt. Genau, und ich denke, so ein paar große Meilensteine waren auf jeden Fall, als ich das dann geschafft habe, irgendwie selber mir einen Tag wieder zu strukturieren und weniger nur auf der Couch zu liegen, sondern halt auch Sachen zu machen. Ein anderer großer Meilenstein war, als ich dann anfangen konnte, meine Freund:innen wieder zu treffen. Ich habe das dann erstmal so gemacht, so weiß ich nicht, dass ich alle zwei Wochen erstmal wieder jemanden sehe, mal so für ein Stündchen und so. Und ja, also alles, was einem irgendwie hilft, wieder zurück ins Leben zu finden, ist dann echt einfach … Das kann man sich gar nicht vorstellen, aber das ist so dieses Gefühl, okay, es gibt irgendwie dann doch ein Licht am Ende, ein Licht am Horizont, auf das man so langsam zugeht.

Gab es etwas, was dir dabei besonders geholfen hat?

Naja, also zum einen war es, glaube ich, echt die Kenntnis oder die Akzeptanz meiner Situation und auch zu akzeptieren, dass es jetzt nicht mit Willenskraft einfach vorbei ist, sondern dass ich krank bin. Und das klingt vielleicht auch von außen ein bisschen banal, aber dieses wirklich Akzeptieren, dass ich krank bin und dass ich deswegen halt gerade bestimmte Dinge nicht kann und dass das in Ordnung ist. Das hat halt unglaublich viel Druck von mir selber wieder runtergenommen, weil ich halt auch ein extrem leistungsgetriebener Mensch bin, mit hohen Ansprüchen an mich selbst. Und das ist dann natürlich sehr kontraproduktiv in den Momenten, in denen man seinen eigenen Ansprüchen nicht so gerecht werden kann. Das hat auf jeden Fall mega geholfen und ich habe in der Zeit einfach sehr gemerkt aus meinem sozialen Umfeld, wer mir sehr guttut, wer für mich da ist – wer mit dieser Situation auch irgendwie umgehen kann und mit diesen Menschen dann meine kleinen Erfolge auch irgendwie zu feiern. Also z. B. zu sagen „Hey, ich habe heute das erste Mal das und das gemacht“ oder „Heute war das und das besonders gut“, oder „Ich habe heute einen ganzen Tag gehabt, wo ich …“, „Diese Woche war ich jeden Tag draußen“. Also diese Kleinigkeiten auch nach außen zu tragen und mit den Menschen, die einem wichtig sind, zu teilen, das hilft auf jeden Fall auch. Und wenn das Menschen in deinem Leben sind, die dich wirklich unterstützen, dann verstehen die in dem Moment auch, dass diese Kleinigkeiten wichtig sind und feiern die wirklich auch mit dir. Und das war wirklich unglaublich wertvoll.

Kannst du beschreiben, wie sich deine Erkrankung auf die Beziehungen in deinem Leben ausgewirkt und was sich dadurch verändert hat?

Ja. Also ich habe in der Zeit auf jeden Fall gemerkt, wer wirklich extrem wichtig ist in meinem Leben. Das sind bei mir vor allem mein Partner und drei gute Freund:innen. Interessanterweise ist eine von diesen Personen, die ich jetzt als sehr gute Freundin ansehe, in dieser Phase überhaupt erst eine gute Freundin geworden. Vorher war die eine gute Bekannte oder so. Also jemand, den ich gerne getroffen habe – ehemalige Kollegin – und dann in dieser Zeit hat sie mich zum Beispiel auch in der Klinik besucht und solche Sachen. Und da sind wir irgendwie so richtig eng geworden. Und das war natürlich eine ganz tolle Erfahrung. Und andere Personen, wo ich vielleicht ein bisschen mehr gedacht hätte, dass das hält, mit denen hatte ich dann teilweise eineinhalb Jahre auch wirklich keinen Kontakt. Habe aber auch für mich gelernt, dass das vielleicht in Ordnung ist und dass ich aber jetzt auch nach meiner Genesung da nicht mehr so viel Energie reinstecke. Ja, ist halt so. Ganz schwierig war das ganze Thema mit meiner Familie, ist es bis heute auch noch. Also gerade mit meinen Eltern ist es nicht besonders einfach, über diese Thematik zu sprechen. Und da arbeite ich auch heute noch sehr stark daran, irgendwie meine eigene Position in der Familie zu finden. Eine Sache, die sich jetzt aus meiner ganzen Krankheitsphase ergeben hat, das ist aber auch eine sehr neue Entwicklung, ist tatsächlich, dass ich zu meinem Großvater den Kontakt komplett abgebrochen habe, weil ich einfach erkannt habe – und das hat sehr lange gedauert – dass er mir gar nicht guttut und dass da auch nichts gegeben wird quasi. Das war auch eine Entscheidung, die mir überhaupt nicht einfach gefallen ist, über die ich aber jetzt sehr froh bin. Und ich glaube, ohne diese harte Arbeit, die ich in mich selber gesteckt hätte in den letzten Jahren, hätte ich diesen Schritt und diese Grenze auch tatsächlich nicht setzen können.

Haben deine Eltern in deiner Kindheit etwas davon mitbekommen? Wie wurde das bei euch zu Hause thematisiert?

Ja – ich glaube, das war so mit 14 rum – bin ich zu einer Jugendtherapeutin gegangen, weil meine Eltern mitbekommen haben, dass ich mich selbst verletze, was dann eher mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung zu tun hat, als jetzt mit der Depression, aber das ist dann natürlich das, was nach außen eben sichtbar war. Ansonsten ... Also für meine Eltern war es, glaube ich, ein bisschen so eher wie so eine Jugendkrise, also so eine Erwachsenwerden-Krise, wurde halt auch eher so behandelt. Ich bin halt zur Therapeutin, war da, glaube ich, etwa ein Jahr oder etwas weniger dort und dann war es so ein bisschen: okay, Haken dran, die Krise ist abgeschlossen. Und ich hatte halt einfach als Jugendliche auch ganz stark das Problem, dass ich das, was passierte, gar nicht in Worte fassen konnte. Also es ist ja als erwachsene Person schon irgendwie manchmal schwierig genug, sein Innenleben zu beschreiben und dann als junge Person, als junger Mensch, wenn man dann auch noch durch eine Depression so von sich selber abgeschnitten und kognitiv irgendwie eingeschränkt ist, dann halt auch noch zu beschreiben, was gerade mit einem los ist. Ich glaube, ich war auch einfach total überfordert damit und ich denke mal, meine Eltern waren auch irgendwie überfordert oder haben es halt irgendwie nicht so gesehen. Ja, ich weiß es nicht.

Was hätte dir in dieser Phase von deinen Mitmenschen geholfen, um dich ihnen besser öffnen zu können, damit das Problem eher als solches erkannt worden wäre?

Was ich erkannt habe für meine Familie ganz speziell, ist, dass wir bis heute nicht über Emotionen sprechen. Oder über … ja über Gefühle, so tiefer gehend. Also: „Wie geht es dir jetzt wirklich?“. Das haben wir halt nie getan und das habe ich dementsprechend auch nicht gelernt. Und ich glaube, dass das einfach schon ein ganz wichtiger Aufhänger gewesen wäre in diesen Situationen. Überhaupt halt wirklich zugehört zu werden. Ja, ich denke, das wäre einfach gut gewesen. Und generell ist es, glaube ich, dann einfach so, dass in diesen Situationen, wo man vielleicht als erwachsene Person merkt, irgendwas ist da, dass man diese Gespräche natürlich auch selber steuern muss. Ich finde, man kann halt dann von einem – ich war ja im Endeffekt noch ein Kind, also irgendwo zwischen Kind und Jugendalter – kann man halt auch nicht erwarten, dass die Person das dann so für sich selber überhaupt formulieren kann oder versteht, was überhaupt los ist. Das hätte ich mir sowohl von meinen Eltern, aber irgendwo auch von anderen Erwachsenen aus meinem Umfeld, also Lehrer:innen zum Beispiel, gewünscht. Ich weiß zumindest, dass mindestens eine Lehrerin mitbekommen hat, dass ich Schnitte auf den Armen hatte usw. – da hätte ich mir da einfach irgendeine Art von Aktion, sage ich mal, irgendeine Art von Eingreifen gewünscht. Und ich meine das gar nicht so als Vorwurf, sondern ich meine, dass das zeigt, dass viel zu wenig über psychische Erkrankungen aufgeklärt wird, auch gerade im Jugendalter und viel zu wenig Anlaufstellen, Systeme, Klarheit gibt, wie man denn damit umgeht, wenn man mitbekommt, da ist jemand sehr junges, der scheinbar irgendwas Hartes durchmacht. Ja, ich glaube, es ist wirklich so eine Mischung aus, was ich mir von meiner Familie gewünscht hätte, wäre dieses ernsthaft über Gefühle sprechen und was ich mir gesellschaftlich gewünscht hätte, wäre generell, dass mehr über psychische Erkrankungen gesprochen wird und wie man halt unterstützt und dass das nicht so tabuisiert wird.

Was möchtest du anderen Betroffenen, Angehörigen und Außenstehenden zum Schluss gerne noch mit auf den Weg geben?

Ich denke, so ganz allgemein, dass man einfach eine Depression nicht unterschätzen sollte, als außenstehende Person auch. Das heißt auch nicht, dass man in Panik verfallen muss oder irgendwas, sondern dass man es aber auf jeden Fall ernst nimmt. Und ich spreche das jetzt einfach mal so radikal aus, aber Depressionen töten. Und ich bin wirklich froh, dass ich das überlebt habe. Ich hatte Suizidgedanken. Gott sei Dank, ich bin nie ganz so weit gekommen, dass ich es wirklich ernsthaft versucht habe, aber es hätte wahrscheinlich jetzt auch nicht so viel gefehlt. Und was mir sehr geholfen hat, ist eben mein soziales Umfeld, die Personen, die für mich da waren, die einfach Zeit mit mir verbracht haben, die mit mir gesprochen haben, die entweder mich abgelenkt haben, was manchmal einfach so unglaublich guttut, oder einfach mir gezeigt haben: „Du bist mir wichtig als Person und du würdest mir fehlen, wenn du weg wärst.“ Das ist einfach ... Ich glaube, das ist das, was man als nahestehende Person am ehesten machen kann. Einfach auch manchmal jemanden besuchen, neben einem sitzen und einfach nur präsent sein. Das ist manchmal alles, was gebraucht wird, auch wenn das vielleicht nicht wie viel wirkt. Und was ich anderen Betroffenen gerne mitgeben möchte, ist, dass, egal wie schlimm es wird, es ist auf jeden Fall Heilung möglich oder Genesung möglich. Heilung ist vielleicht ein großes Wort, aber Genesung ist auf jeden Fall möglich. Und ich würde aber auf jeden Fall professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Also ohne hätte ich das definitiv nicht geschafft, auf gar keinen Fall. Und ja, geduldig mit sich selber sein, freundlich versuchen zu sich selber zu sein und die kleinen Erfolge, die man dann so macht, auch wirklich feiern.

Hoffentlich konnten dir Noras Erfahrungen ein paar hilfreiche Einblicke darin geben, wie eine Depression verlaufen kann und wie Außenstehende Betroffene unterstützen können. Ihr Beispiel zeigt, dass Genesung möglich ist – auch wenn der Weg dahin schwer oder sogar unmöglich erscheint. Informiere dich gerne weitergehend zu diesen Themen hier in der Mediathek oder kontaktiere die hier hinterlegten psychologischen Ansprechpersonen, wenn du dir ein persönliches Gespräch wünschst.
Dieser Artikel wurde von Evermood erstellt und zuletzt am aktualisiert.
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